Hafez 143 – Jahre lang begehrte unser Herz …


Divan-e Hafiz, 143.

Und immer suchen wir an den falschen Orten …

سال‌ها دل طلب جام جم از ما می‌کرد
sâlhâ del talab-e jâm-e jam az mâ mîkard

Jahre lang begehrte unser Herz den Becher des Königs Jamsheed1

وآن چه خود داشت ز بیگانه تمنا می‌کرد
vân che khod dâsht ze bîgâne tamanâ mîkard

und was es selbst besaß, forderte es von Fremden.

گوهری کز صدف کُوْن و مکان بیرون است
gouharî kaz sadaf-e koun-o makân bîrûn ast

Eine Perle, entschlüpft dem Universium ihrer Muschel,

طلب از گمشدگانِ لبِ دریا می‌کرد
talab az gomshodegân-e lab-e daryâ mîkard

Suchte nach den verlorenen [Perlen] der Küste.

مشکل خویش برِ پیرِ مُغان بردم دوش
moshkel-e khîsh bar-e pîr-e moghân bordam dûsh

Gestern Nacht brachte ich mein Problem zum Magiermeister2,

کو به تاییدِ نظر حلّ معما می‌کرد
kû be ta’yîd-e nazar hall-e mo’amâ mîkard

sodass er mit seiner zustimmenden Meinung das Mysterium löse.

دیدمش خرم و خندان، قدحِ باده به دست
dîdamash khorram-o khandân, qadah-e bâde be dast

Ich sah ihn fröhlich und lachend, einen Becher Wein in der Hand,

واندر آن آینه صد گونه تماشا می‌کرد
vandar ân âyene sad gûne tamâshâ mîkard

Und in diesem Spiegel betrachtete er hundert Gestalten.

گفتم: «این جام جهان‌بین به تو کِی داد حکیم؟»
goftam în jâm-e jahânbîn be to key dâd hakîm

Ich sagte: Wann hat dir der Herr diesen Becher gegeben, in dem man die ganze Welt sieht?

گفت: «آن روز که این گنبد مینا می‌کرد»
goft ân ruz ke în gonbad-e mînâ mîkard

Er sagte: An jenem Tage, da er das blaue Gewölbe erschuf.

بی‌دلی، در همه احوال، خدا با او بود
bîdelî dar hame ahvâl khodâ bâ û bûd

In allen Momenten war Gott an der Seite des Liebenden,

او نمی‌دیدش و از دور «خدایا» می‌کرد
û nemîdîdash-o az dûr khudâyâ mîkard

Doch der sah ihn nicht und rief in die Ferne: Mein Gott!

این همه شعبده خویش که می‌کرد اینجا
în hame sho’bade-ye khîsh ke mîkard înjâ

All dies Blendwerk, dem er hier unterlag,

سامری پیش عصا و ید بیضا می‌کرد
sâmerî pîsh-e asâ-o yad-e beyzâ mîkard

setzte auch Samiri3 gegen Moses‘ Stab und Hand ein

گفت: «آن یار، کز او گشت سر دار بلند،
goft ân yâr kaz û gasht sar-e dâr boland

Er sprach: Jener Freund4, für den selbst der Galgen stolz das Haupt reckte:

جرمش این بود که اسرار هویدا می‌کرد»
jormash în bûd ke asrâr hoveydâ mîkard

Sein Vergehen war, dass er Geheimnisse enthüllte.

فیض روح القدس ار باز مدد فرماید
feyz-e rûh olqodos ar bâz madad farmâyad

Wenn Gabriel seinen Segen gibt,

دیگران هم بکنند آنچه مسیحا می‌کرد
dîgarân ham bekonand ânche masîhâ mîkard

können auch andere vollbringen, was Jesus vollbrachte.

گفتمش «سلسلهٔ زلف بتان از پی چیست؟»
goftamash selsele-ye zolf-e botân az pey-e chîst

Ich fragte ihn: Warum sind die Haare der Geliebten Ketten gleich?

گفت: «حافظ گله‌ای از دل شیدا می‌کرد!»
goft: hâfiz gele’î az dil-e sheydâ mîkard

Er sprach: Hafiz‘ Klagen dringen aus einem stürmischen Herzen!

Becher des Königs Jamsheed: Der Überlieferung nach kann man die gesamte Welt sehen, wenn man in den Becher hineinschaut. Siehe den englischen Wikipedia-Artikel.

Magiermeister: Der pîr-e moghân, der Alte der Zoroastrier, taucht in Hafez‘ Dichtung stets als weiser Führer auf. Gelegentlich wird der Begriff pîr-e moghân auch als „alter Wirt“ übersetzt, da in den Klöstern der Zoroastrier Wein ausgeschenkt wurde (vgl. Hafis, Muhammad Schams ad-Din: Gedichte aus dem Diwan. Ausgewählt und aus dem Pers. übertr. von Johann Christoph Bürgel u.a. Stuttgart: Reclam, 1972, 18f.)

Samiri:Im Koran erschafft nicht Aaron das Goldene Kalb, sondern Samiri.

Jener Freund: Gemeint ist Al-Halladsch, ein Sufi, der wegen Gotteslästerung hingerichtet wurde. Er hatte ausgerufen: „Ich bin der Wahrhafte!“ und sich damit ein göttliches Attribut zugeschrieben.


Gesungen von: Mohammad Reza Shajarian
Gelesen: Ahmad Shamloo u.a.

Ein Freund war so nett, das Gedicht per Hand aufzuschreiben. Hierbei handelt es sich – von einigen Bögen zur Zierde abgesehen – um eine normale iranische Handschrift, wie sie im Alltag verwendet wird:

Persische Handschrift - Hafez - Zolf

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