Hafez 425 – Die Welt kennt keine Treue

Divan-e Hafez, Ghazal Nummer 425.

دامن کشان همی‌شد در شرب زرکشیده
dâman keshân hamî shod dar sharb-e zarkeshîde

Mit schleifender Schleppe entfernt sie sich in ihrem mit Gold durchwirkten Leinenkleid.

صد ماهرو ز رشکش جیب قصب دریده
sad mâhrû ze rashkash jeyb-e qasab darîde

Vor Eifersucht haben hundert Schönheiten den Kragen ihrer Seidenkleider zerrissen.

از تاب آتش می بر گرد عارضش خوی
az tâb-e âtash-e mey bar gerd-e ârezash khey

Die Feuerhitze des Weins hat ihr Gesicht benetzt

چون قطره‌های شبنم بر برگ گل چکیده
chon qatrehâ-ye shabnam bar barg-e gol chekîde

Wie Tautropfen, die auf ein Rosenblatt gefallen sind.

لفظی فصیح شیرین قدی بلند چابک
lafzî fazîh-e shîrîn qaddî boland-e châbok

Worte süß und gewandt, eine Statur hoch und elegant,

رویی لطیف زیبا چشمی خوش کشیده
rû-ye latîf-e zîbâ chashmî khosh-e keshîde

Ein Gesicht fein und schön, Augen hübsch und oval.

یاقوت جان فزایش از آب لطف زاده
yâqût-e jân fazâyash az âb-e lotf zâde

Ihre rubinroten Lippen1 sind ein Quell der Lieblichkeit,

شمشاد خوش خرامش در ناز پروریده
shemshâd-e khoskhorâmash dar nâz parvarîde

Ihre elegant vorbeiziehende Gestalt2 ist reizvoll aufgerichtet.

آن لعل دلکشش بین وان خنده دل آشوب
vân la’l-e delkeshash bîn vân khande-ye del âshûb

Sieh diesen anziehenden Granat3 und dieses herzaufwühlende Lachen!

وان رفتن خوشش بین وان گام آرمیده
vân raftan-e khoshash bîn vân gâm-e âramîde

Und sieh diesen schönen Gang und diesen gelassenen Schritt!

آن آهوی سیه چشم از دام ما برون شد
ân âhu-ye sîah chashm az dâm-e mâ borûn shod

Diese schwarzäugige Gazelle ist unserer Schlinge entwichen

یاران چه چاره سازم با این دل رمیده
yârân che châre sâzam bâ în del-e ramîde

Freunde, wie soll mein aufgeschrecktes Herz Heilung finden?

زنهار تا توانی اهل نظر میازار
zenhâr tâ tavânî ahl-e nazar maiyâzar

Gib Acht, damit du die Sehenden4 nicht quälst!

دنیا وفا ندارد ای نور هر دو دیده
donyâ vafâ nadârad ey nûr-e har do dîde

Die Welt kennt keine Treue, Licht meiner Augen.

تا کی کشم عتیبت از چشم دلفریبت
tâ key kesham etîbat az chashm-e delfarîbat

Wie lange noch sehe ich in deinen verführerischen Augen nur Ablehnung?

روزی کرشمه‌ای کن ای یار برگزیده
rûzî kereshme’î kon ey yâr-e bargozîde

Gib mir eines Tages einen Wink, Auserwählte!

گر خاطر شریفت رنجیده شد ز حافظ
gar khâter-e sharîfat ranjîde shod ze hâfez

Sollte dein nobles Herz von Hafez beleidigt worden sein,

بازآ که توبه کردیم از گفته و شنیده
bâzâ ke toube kardîm az gofte vo shenîde

So kehre zurück, damit wir für Gesagtes und Gehörtes büßen können.

بس شکر بازگویم در بندگی خواجه
bas shokr bâzgûyam dar bandegî-ye khâje

Wie dankbar werden wir sein in unserer Hingabe5,

گر اوفتد به دستم آن میوه رسیده
gar ûftad be dastam ân mive-ye resîde

Wenn diese reife Frucht in unsere Hände fällt!

 

1 Ihre rubinroten Lippen: wörtl.: ihr belebender Rubin. „Belebender Rubin“, yâqût-e jânafzâ, ist einerseits der Name eines Heilmittels für die Stärkung des Herzens. Andererseits spielt der Rubin auf die roten Lippen der Geliebten an. Ihre Lippen „beleben“ also das Herz des Dichters wie ein Heilmittel.
2 Gestalt: wörtl.: Ihr elegant schreitender Buchsbaum ist in Koketterie heraufgezogen. Die Bewegungen der Geliebten werden mit den Bewegungen der Zweige eines Buchsbaums verglichen.
3 Granat: d.h. Lippen.
4 Die Sehenden: ahl-e nazar, wörtl.: die Verehrer des Blicks oder die Verehrer der Meinung. Wortspiel. Einerseits bezeichnet ahl-e nazar Menschen mit Tiefblick, also Weise, spirituelle Führer, andererseits ist ein ahl-e nazar auch einfach einer, der einen bestimmten Anblick verehrt, der gerne schaut – und zwar hinüber zu schönen Frauen. Damit hat der Halbvers zwei Bedeutungen: (1) Verdreh den Weisen mit deiner Koketterie nicht den Kopf! (2) Sei freundlich zu denen, die dich verehren!
Damit ergeben sich für den zweiten Halbvers auch zwei Bedeutungen: (1) Die Welt und damit auch deine Schönheit hat keine Beständigkeit. (2) Die Welt kennt keine Treue, auch du bist nicht treu.
5 Hingabe: an den Herrn/die Herrin. Im Persischen geschlechtsneutral. Gemeint sein kann also sowohl Gott als auch die Geliebte, der der Liebende wie ein Sklave ergeben ist.

Gesungen von: Mohsen Namjoo (das Ende von Nameh).
Namjoo singt nur jeweils den zweiten Halbvers und ändert die Reihenfolge, womit sich die Bedeutung des Gedichts ändert. Während Hafez in einem hoffnungsvollen Ton endet, scheint die Situation in Namjoos Version verloren:

Wenn diese reife Frucht in unsere Hände fiele!
Kehr zurück, damit wir für Gesagtes und Gehörtes büßen können!
Gib mir eines Tages einen Wink, Auserwählte!
Freunde, wie soll mein aufgeschrecktes Herz Heilung finden?
Ihre elegant vorbeiziehende Gestalt ist reizvoll aufgerichtet.
Wie Tautropfen, die auf ein Rosenblatt gefallen sind.
Und sieh diesen schönen Gang und diesen gelassenen Schritt!
Vor Eifersucht haben hundert Schönheiten den Kragen ihrer Seidenkleider zerrissen
Die Welt kennt keine Treue, Licht meiner Augen.