Vorwort

Poesie lässt sich nicht übersetzen.
Diese Erfahrung musste ich bereits im Alter von 14 Jahren machen, als ich mir eine teure Ausgabe von Shakeapeares gesammelten Werken auf Deutsch kaufte. Voller Vorfreude setzte ich mich damit in meinen Lesesessel, schlug es auf – und war zehn Minuten später schrecklich enttäuscht. Solch eine Geldverschwendung! Shakespeare war langweilig und schrieb außerdem richtig albern, ich verstand ihn nicht einmal, er war zu kompliziert. Noch dazu war das Buch zu schwer. Ich konnte nicht darin lesen, ohne dass es auseinanderfiel.
Kurz und gut: Das Buch fristete ein Schattendasein in meinem Bücherregal. Noch heute ärgere ich mich bei jedem Umzug über sein Gewicht.

Doch ich hatte Glück. Das Buch kann ich noch immer nicht ausstehen, aber meine Meinung über Shakespeare hat sich geändert. Mein Elternhaus besitzt einen alten grauen Keller, den ich als Kind von ganzem Herzen liebte. Wenn man das Licht ausschaltete, konnte man in die Dunkelheit starren, so lange man wollte, man sah – nichts. Ich verbrachte ganze Stunden damit, mir auszumalen, ich stünde im Verlies eines riesigen Schlosses, das es zu erkunden galt. Zugegeben, viel zu entdecken gab es nicht – eine alte Sauna, die gruselige Nacktmalerei meines Großvaters, Drahtstühle – und einen Haufen alter Bücher. Eines Tages, kurz nach meiner großen Enttäuschung mit Shakespeare, fand ich hinter dem Regal mit verstaubten Hängematten eine weitere Ausgabe von Shakespeares gesammelten Werken. Diese war jedoch auf Englisch, um einiges handlicher und außerdem alt. Und alte Bücher hatten natürlich eine geheimnisvolle Aura, selbst wenn sie aus der Feder des langweiligen Shakespeare stammten.

Nun, was soll ich sagen? Ist es die Schuld eines einzelnen Übersetzers, wenn ein Kind von 15 Jahren mehr vom englischen Shakespeare versteht als vom deutschen, wenn es plötzlich bemerkt, dass Shakespeare nicht langweilig ist, sondern vielmehr lustig und fantasievoll?
Nein, ist es nicht. Normalerweise denken wir nicht über den Übersetzer nach, wenn wir ein Werk auf Deutsch lesen, doch auch das Übersetzen ist ein literarischer Schaffensprozess. Nun gibt es zweifellos äußerst talentierte Übersetzer, doch jeder, der vor der Aufgabe steht, einen weltberühmten Autor in eine andere Sprache zu übertragen, wird vor gewissen Selbstzweifeln stehen: Kann ich ihm überhaupt gerecht werden? Genauso gut könnte man einen beliebigen Menschen mit der Aufgabe betrauen, Goethe auf Deutsch nachzuerzählen. Kann das besser werden als das Original, kann es auch nur an das Original heranreichen? Die Wahrscheinlichkeit ist gering.

Dieses Unbehagen bezieht sich noch in keiner Weise auf die Schwierigkeiten, die Übersetzungen naturgemäß mit sich bringen: Eine Sprache zwingt uns gewisse Denkmuster auf, innerhalb derer wir uns bewegen. Genau das ist auch einer der Hauptgründe, warum das Erlernen einer Fremdsprache das Denken erweitert. Hierbei geht es nicht darum, sich zu merken, dass die Franzosen einen croque-monsieur oder eine croque-madame verspeisen, das interessiert eher periphär. Neue Worte mit neuen Bedeutungsnuancen und neue grammatische Strukturen ermöglichen uns vielmehr, unsere Gedanken präziser auszudrücken. Zugegeben, unsere erste Berührung mit diesen neuen Möglichkeiten verläuft meist recht holprig – das weiß jeder, der in der Schule verzweifelt versucht hat, das Konzept des Present Perfect zu verstehen.

Ein anderes Beispiel, aus dem Persischen (Hafez):
رحم کن بر من مسکین
rahm kon bar man-e meskîn

rahm = Mitleid
kon = Imperativ von machen
bar = auf
man = ich
meskîn = arm

Im Persischen werden Adjektive mit einem Ezafe an ein Substantiv gebunden. Dabei handelt es sich um einen kleinen Strich unter dem letzten Buchstaben des Substantivs, der normalerweise nicht geschrieben wird. Gelesen wird das wie ein -e. Beispiel:
درخت سبز
derakht-e sabz, der grüne Baum

Nun können im Persischen allerdings auch Personalpronomen auf diese Weise mit einem Adjektiv verbunden werden:
من مسکین
man-e meskîn, ich Armer
Die Übertragung ins Deutsche läuft nicht ganz rund, „Armer“ ist kein Adjektiv. Der ganze Satz wird damit zu Hab Mitleid mit mir Armem. Das mag zwar akzeptabel sein, wirkt aber ein wenig gestelzt. Eine Reihe solcher Sätze und die 14-jährigen Kinder legen Shakespeare entnervt beiseite. Das Englische ist hier noch schlechter ausgestattet als die deutsche Sprache: Have mercy with me poor? Have mercy with me beggar? Eher nicht.

Dieser Befund mag vielleicht nicht sonderlich drastisch anmuten. Man formuliert eben um, oder? Aber schon kommt man in die Bredouille. Wie will man diesen Satz denn umformulieren? Habe Mitleid mit mir, der ich so arm bin? Habe Mitleid mit meiner armen Person? Have mercy with me, a beggar? Angesichts der Einfachheit des persischen Originals muten solche Versuche lächerlich an. Im Englischen wird man vielleicht auf meskîn ganz verzichten, im Deutschen gibt man Armer sich mit „mir Armem“ zufrieden.

Übersetzungen sind Kompromisse. Und Kompromisse sind nie gut.

Bei Übertragungen aus einer Sprache wie dem Persischen kommt der kulturelle Hintergrund als zusätzlicher Ballast hinzu.
Iraner sind ausgesprochen undankbare Leser: Wann immer ich ihnen eine Übersetzung anbiete, bemängeln sie zunächst, sie sei nicht elegant. Dann beklagen sie, dass Wortspiele und unterschiedliche Bedeutungsnuancen verloren gingen. Und schließlich meinen sie, der Sinn sei nicht klar, und beginnen, einzelne Verse zu erklären. Aber warum eigentlich? Halten uns die Perser für dumm? Warum sollten wir eine Übersetzung nicht verstehen? Persische Wörter haben eine Bedeutung und irgendwann gab es tapfere Pioniere, die in den Mittleren Osten gewandert sind und so oft auf einen Baum gezeigt haben, bis sie herausgefunden haben: Aha, Baum heißt derakht! Baum heißt derakht, gol ist die Blume, khorshîd die Sonne. Kein Problem, wir wissen, wovon ihr redet, wir können euch übersetzen. Wir schreiben alles auf, schlagen nach, wenn ihr mit uns sprecht, setzen Wörter zu einem Satz zusammen und fertig.
Wenn sich Sprachen so sehr ähneln wie das Deutsche und das Englische, mag das sogar funktionieren. Dass Google Translate in den letzten Jahren so wunderbar gelernt hat, mit englischen Texten umzugehen, ist nicht nur der fleißigen Arbeit der Leute bei Google zu verdanken, sondern auch der großen Übereinstimmung zwischen den Sprachmustern des Deutschen und Englischen. Schwierig wird die Sache, wenn ein Wort mehrere Bedeutungen besitzt und der Kontext und/oder der kulturelle Hintergrund nicht klar sind. Google Translate von Persisch nach Englisch ist beispielsweise auf die Geschäftswelt ausgerichtet. Die Qualität ist mies, hier wird nicht viel Arbeit investiert, und an Gedichten scheitert der Übersetzer (noch) völlig. Mein Lieblingsbeispiel:

Shit is shit, bread and porridge. (Rumi)

Shit is shit, bread and porridge. (Rumi)

Gut, Maschinen sind eine Sache. Aber wir sind schlau genug, um zu verstehen, dass Rumi wohl nicht gemeint hat, was dort steht.

Schwieriger wird es, wenn ein Wort korrekt übersetzt wird, dabei aber seine Konnotation verliert. Vor ein paar Tagen habe ich ein nettes Beispiel dafür gefunden. Die Zeile stammt aus einem alten Lied von Kourosh Yaghmaei:
گل یخ توی دلم جوونه کرده
Gol-e yakh tu-ye delam javûne karde
Eine Winterblüte ist in meinem Herzen gesprossen.

Die Winterblüte ist eine bestimmte Blumenart:

Abgesehen davon, dass sie toll aussieht, haben wir das Glück, dass gol-e yakh wörtlich übersetzt Eisblume bedeutet – was Winterblüte ähnelt und damit die gleiche Konnotation, wenn auch in abgeschwächter Form, zulässt.
Im Englischen heißt diese Blume jedoch winter sweet. Der Kontext ist jedoch nicht sweet, sondern traurig, ja kalt – was also tun? Als Übersetzer entscheidet man sich zähneknirschend für den botanisch falschen Namen ice flower.

Das Beispiel ist noch einfach. Die Wahrheit ist, dass leider viele persische Wörter eine völlig andere Konnotation besitzen als ihre deutschen Entsprechungen. Bestes Beispiel sind die unzähligen Wörter, die es in der persischen Sprache für betrunken gibt: mast, shûrideh, b‍îkhod etc. Das Deutsche bietet uns hierfür nur zwei brauchbare Übersetzungen an, trunken und betrunken. Der Duden listet zwar viele Synonyme, aber ein Liebhaber ist eben nicht sternhagelvoll oder besoffen, sondern shûrideh. Wer nicht weiß, dass die Trunkenheit bei den Sufis immer auch eine spirituelle Komponente besitzt, dass sie nicht (nur) durch Alkohol ausgelöst wird, sondern auch durch begeisterte Liebe, der wird mit der persischen Poesie Probleme haben. Wie schreitet man als Übersetzer ein, wenn man den einfachen Satz man mast übersetzen soll? „Ich bin betrunken“? Alle Leser werden sofort an Alkohol denken. „Ich bin trunken“? Klingt ein wenig poetisch, und im Deutschen kann man auch liebestrunken sein – perfekt. Doch leider zeigt sich, dass deutsche Leser auch dann sternhagelvoll verstehen, wenn sie trunken lesen. Diese Bedeutungsverschiebung geschieht unbewusst, automatisch – wir sind ständig umgeben von Betrunkenen, wir trinken selbst regelmäßig, daher liegt der Schluss nahe, ein Dichter, der schreibt, er sei trunken, sei nun einmal betrunken. Dass die persische Kultur – oder allgemeiner die gesamte islamische – mit Alkohol um einiges zurückhaltender umgeht, wird übersehen. Ein Iraner erklärte mir das einmal so: „You are too physical. You read that someone is drunk and imagine him lying in the street with a bottle of beer is his hand, whereas we think of someone passionately in love and thus acting a bit like a drunkard.“
Wir sind also zu körperbetont, auch zu logisch, zu streng, zu strikt für die persische Poesie. Wer erwartet, dass ein persisches Gedicht vom Anfang bis zum Ende einem klaren roten Faden folgt oder doch zumindest durch ein einziges Thema zusammengehalten wird, liegt oft genug falsch.

Dass gerade die persische Poesie als unübersetzbar gilt, liegt also an drei Gründen:
1) Poesie ist generell unübersetzbar.
2) Die sprachlichen Unterschiede führen zu vielen Problemen bei der Übertragung.
3) Der kulturelle Hintergrund verlang dem Leser zu viel Vorwissen ab.

Wer Geduld und den Willen mitbringt, dem größten Schatz einer anderen Kultur näher zu kommen, wird sicher nicht enttäuscht.
Die Frage ist nur, wie weit man tatsächlich vordringen kann.