Tag: Rumi

Persisches Urgestein (1207-1273) mit einem Hang zum Spirituellen und komplizierten Metaphern. Gibt Studenten stets das Gefühl, weit entfernt von der wahren Bedeutug im Wörterbuch zu wühlen.

Rumi – Himmelsgewölbe und Wind tanzen


Rubai Nr. 555

ای روز برا که ذره‌ها رقص کنند
ey rûz barâ ke zarehâ raqs konand

Dämmerung, erhebe dich! Die Teilchen tanzen.

آن کس که از او چرخ و هوا رقص کنند
ân kas ke az û charkh-o havâ raqs konand

Seinetwegen tanzen Himmelsgewölbe und Wind.

جانها ز خوشی بی‌سر و پا رقص کنند
jânhâ ze khoshî bî sar-o pâ raqs konand

Die Seelen tanzen wild vor Freude.

در گوش تو گویم که کجا رقص کنند
dar gûsh-e tô gûyam ke kojâ raqs konand

Ich flüstere dir ins Ohr, wo sie tanzen.



Rubai Nr. 442

هر ذره که در هوا و در هامونست
har zarre ke dar havâ vô dar hâmûn ast

Jedes Teilchen in Wind und Wüste:

نیکو نگرش که همچو ما مجنونست
nîkû negarash ke hamcho mâ majnûn ast

Betrachte es gut! Wie wir ist es verliebt1.

هر ذره اگر خوش است اگر محزونست
har zarre agar khosh ast agar mahzûn ast

Jedes Teilchen, sei es fröhlich, sei es traurig,

سرگشته خورشید خوش بیچونست
sargashte-ye khorshîd-e khosh-e bîchon ast

ist verliebt in die heitere, unergründliche2 Sonne.

Verliebt: majnûn, eigentlich: besessen, verrückt. Leyla und Majnûn sind ein bekanntes Liebespaar der persischen Dichtung. Der Ursprung der Geschichte ist arabisch, bekannt geworden ist sie vor allem durch Nezami. Qays ist in Leyli verliebt, ihre Familie spricht sich jedoch gegen eine Heirat aus. Qays ist von seiner Liebe zu Leyli besessen und spricht nur noch von ihr, sodass er im Dorf als Majnun bekannt wird. Majnun flieht vor Kummer in die Wüste und umgibt sich dort mit wilden Tieren.
Unergründlich: wörtlich: ohne Grund. Die Sonne lässt sich nicht erklären, sie existiert ohne Grund. Siehe den Wikipedia-Artikel Cosmological Argument.

Gesungen von: Salar Aghili, Poem of the Atoms.

Rumi – Wer bist du?


Der Text folgt dem Puppenspiel von Homayoun Shajarian. Es handelt sich dabei um eine Zusammenstellung verschiedener Verse aus dem Dîvân-e Shams sowie dem Masnavi.

Rumi und Shams lernen sich kennen …

هر زمان نو می شود دنیا و ما
har zamân no mîshavad donya vo mâ

Shams: Jeden Augenblick erneuert sich die Welt und wir

بی خبر از نو شدن اندر بقا
bî khabar az no shodan andar baqa

verharren ahnungslos über die Erneuerung in der Beständigkeit

پس تو را هر لحظه مرگ و رجعتی ست
pas to râ har lahze marg-o raj’atî-st

So widerfährt dir in jedem Augenblick Tod und Wiederauferstehung

مصطفی فرمود دنیا ساعتی ست
mostafâ farmûd donyâ sâ’atî-st

Mohammad sprach: Der Welt ist nur eine Stunde gegeben!

آزمودم، مرگ من در زندگی ست
âzmudam marg-e man dar zendegî-st

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass mein Tod im Leben liegt

چون رهی زین زندگی پایندگی ست
chûn rahî zîn zendegî pâyandegî-st

Befreit von diesem Leben findest du Beständigkeit

کیستی تو؟ قطره ای از باده های آسمان
kîstî to? qatreî az bâdehâ-ye âsemân

Rumi: Wer bist du? – Ein Tropfen der himmlischen Weine

این جهان زندان و ما زندانیان
în jahân zendân-o mâ zendâniyân

Shams: Dieses Leben ist ein Gefängnis und wir sind Gefangene

حفره کن زندان و خود را وارهان
hofre kon zendân-o khod râ vârahân

Sprenge das Gefängnis und befreie dich selbst

کیستی تو؟ آدمی مخفی ست در زیر زبان
kîstî to? âdami makhfî-st dar zîr-e zabân

Rumi: Wer bist du? – Shams: Der Mensch bleibt verborgen unter der Sprache

Rumi 323 – Wenn du dich selbst losgeworden bist


Rumi 323, Divan-e Shams.
Genauso wie die Buddhisten streben auch die Sufis einen Zustand der Selbstlosigkeit an (fanâ).

آن نفسی که باخودی یار چو خار آیدت
ân nafasî ke bâkhodî yâr cho khâr âyadat

Wenn du bei dir bist, erscheint dein Geliebter gleich einem Dorn

وان نفسی که بیخودی یار چه کار آیدت
vân nafasî ke bîkhodî yâr che kâr âyadat

Und wenn du dich losgeworden bist, brauchst du auch ihn nicht mehr.1

آن نفسی که باخودی خود تو شکار پشه‌ای
ân nafasî ke bâkhodî khod to shekâr-e pasheî

Wenn du bei dir bist, wirst du selbst von Mücken gejagt

وان نفسی که بیخودی پیل شکار آیدت
vân nafasî ke bîkhodî pîl shekâr âyadat

Und wenn du dich losgeworden bist, kannst du selbst Elefanten jagen.

آن نفسی که باخودی بسته ابر غصه‌ای
ân nafasî ke bâkhodî baste-ye abr-e ghoseî

Wenn du bei dir bist, hält dich eine Wolke der Trauer gefangen

وان نفسی که بیخودی مه به کنار آیدت
vân nafasî ke bîkhodî mah be kenâr âyadat

Und wenn du dich losgeworden bist, kommt der Mond an deine Seite.

Rumi 1280 – Schlagt ihn nicht!


Rumi, Divan-e Shams 1280.

جان منست او هی مزنیدش
jân-e man ast û hey mazanîdash

Er ist mein Leben, schlagt ihn nicht!

آن منست او هی مبریدش
ân-e man ast û hey mabarîdash

Er ist mein, schleppt ihn nicht fort!

آب منست او نان منست او
âb-e man ast û, nân-e man ast û

Er ist mein Wasser, er ist mein Brot

مثل ندارد باغ امیدش
mesl nadârad bâq-e omîdash

Sein Garten der Hoffnung ist ohne Beispiel

باغ و جنانش آب روانش
bâq-o jenânash, âb-e ravânash

Sein Garten und seine Wiesen, seine fließenden Wasser

Rumi 2309 – Ich bin trunken, du verrückt


Ein Ghazal von Rumi aus dem Divan-e Shams, (2309).

من مست و تو دیوانه ما را که برد خانه
man mast-o to dîvâne mâ râ ke barad khâne

Ich bin betrunken und du bist verrückt – wer wird uns nach Hause tragen?

صد بار تو را گفتم کم خور دو سه پیمانه
sad bâr to râ goftam kam khor do se peymâne

Ich habe dir hundertmal gesagt: Trink wenig, nur zwei oder drei Gläser.

در شهر یکی کس را هشیار نمی‌بینم
dar shahr yekî kas râ hoshyâr nemîbînam

In der Stadt sehe ich nicht eine nüchterne Person,

هر یک بتر از دیگر شوریده و دیوانه
har yek batar az dîgar shûrîde vô dîvâne

Ein jeder ist in einem schlimmeren Zustand als der andere, trunken und verrückt.

Rumi 2214 – Ich und du


Ein Ghazal von Rumi aus dem Divan-e Shams (2214).

خنک آن دم که نشینیم در ایوان من و تو
khonok ân dam ke neshînîm dar eyvân man-o to

Angenehm ist der Moment, da wir auf der Veranda sitzen, ich und du.

به دو نقش و به دو صورت به یکی جان من و تو
be do naqsh-o be do sûrat be yekî jân man-o to

Zwei Rollen und zwei Gesichter – eine einzige Seele, ich und du.

داد باغ و دم مرغان بدهد آب حیات
dâd-e bâq-o dam-e morghân bedahad âb-e hayât

Die Geräusche im Garten und der Vogelgesang beleben uns,

آن زمانی که درآییم به بستان من و تو
ân zamâni ke darâyîm be bostân man-o to

als wir im Garten ankommen, ich und du.

اختران فلک آیند به نظاره ما
akhtarân-e falak âyand be nazâre-ye mâ

Die Sterne des Himmels kommen, uns zu sehen.

مه خود را بنماییم بدیشان من و تو
mah-e khod râ benamâyîm bedîshân man-o to

Wir zeigen ihnen den Mond1 selbst, ich und du.